Coronatest / Foto: fernando zhiminaicela/Pixabay

Keiner hat sie gemacht - Keiner hat sie gewollt und dennoch ist sie da und bestimmt unser Leben
Wolfsburg (WB/resch) – Vor einem halben Jahr, am 18. März warnte die Kanzlerin eindringlich vor der Corona-Pandemie. Nie zuvor in ihrer Zeit als Bundeskanzlerin hatte es etwas Vergleichbares gegeben. Angela Merkel wendet sich an diesem Abend in einer Fernsehansprache an die Menschen in Deutschland. "Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst", sagte die Kanzlerin.

Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote traten in Kraft. Die allgemeine Verunsicherung war überall deutlich zu spüren. Die Menschen hatten Angst. Angst vor der Bedrohung, die so unsichtbar wie unbekannt ist. Der Erreger - vom Internationalen Komitee für die Taxonomie von Viren (ICTV) als Sars-CoV-2 bezeichnet, wurde erst zweieinhalb Monate zuvor in China entdeckt.
In einem nie gekannten Tempo, beispielloser internationaler Vernetzung und unter extremen Zeitdruck beginnen Virologen, Epidemiologen, Infektiologen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen mit ihrer Forschung zu dem neuartigen Virus. Es werden sehr kurzfristig Forschungsgelder bewilligt und sogenannte Pre-Prints (erste Ergebnisse werden in Vorabdrucken, ohne vorherige Prüfung durch die Wissenschaftsgemeinde digital veröffentlicht) publiziert. Studien werden kostenfrei abrufbar ins Netz gestellt, um so mit hohem Tempo grundlegende Erkenntnisse über Sars-CoV-2 zu sammeln.
Vielen Menschen geht die Forschung im Frühjahr nicht schnell genug. Die Forscher sprechen immer wieder von Unsicherheiten. Teilweise widersprechen sie einander oder sie müssen Aussagen in Teilen revidieren. Das sorgt in der Öffentlichkeit für Irritationen und für Frust. Dieser Frust wird mitunter so lautstark wie unsachlich geäußert. Die Virologen Christian Drosten und Hendrik Streeck werden in verschiedenen Publikationen gegeneinander ausgespielt. In den Medien wird die Arbeit der Wissenschaftlerzum Teil harsch kritisiert. Drosten gegenüber gibt es sogar Morddrohungen in dieser Zeit der Verunsicherung.

Die Forschung, die Wissenschaftler, sie stehen plötzlich im grellen Rampenlicht. Manche kommen besser und manche weniger gut mit dem extremen Level permanenter Aufmerksamkeit zurecht. Für alle ist es eine Zeit des täglich neuen hinzu Lernens. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden auch in Krisenzeiten nicht in wenigen Tagen erlangt . Widerspruch ist kein Zeichen von Schwäche, es ist ein Prinzip wissenschaftlichen Arbeitens. Die Erwartungen sind enorm und dennoch oder gerade deshalb reibt sich die Gesellschaft in unendlichen Diskussionen um Sinn oder Unsinn der Maskenpflicht auf. Doch wen wundert es: Selbst das Robert Koch-Institut (RKI) hielt bis Anfang April des Tragen eines Mund- Nasenschutzes noch nicht für angezeigt. Als dann dazu geraten wurde, machten so böse wie ungerechtfertigte Vorwürfe in Richtung der Wissenschaft die Runde. In dieser Zeit waren professionelle Schutzmasken einfach nicht in ausreichender Anzahl vorhanden, Studien mit Aussagekraft zu einfachen Stoffmasken gab es noch nicht. Die Angst, dass mit dem Tragen der Masken andere Hygienemaßnahmen wie Abstand halten und Händewaschen vielleicht nicht mehr streng genug eingehalten würden, spielten zu diesem Zeitpunkt ebenfalls eine Rolle.
Heute ist das Tragen einer Maske in Geschäften, Bussen und Bahnen – überall dort, wo sich die Menschen zwangsläufig nahe kommen, gängige Praxis und nicht bei allen, aber weitgehend akzeptiert. Es ist eine Maßnahme die andere Hygieneregeln sinnvoll ergänzt. Alltagsmasken halten zumindest einen Teil der Virentröpfchen ab. Einen verlässlichen Schutz bieten allerdings nur professionelle Masken.
Dass durch sogenannte Aerosole sich kleinste virushaltige Schwebeteile auch über einen längeren Zeitraum halten können ist eine Erkenntnis die so wichtig wie folgenreich ist. Das Fazit lautet: Überall wo viele Menschen auf engem Raum zusammen sind und kein permanenter Luftaustausch stattfindet, lauert Gefahr! Dieses Risiko zu minimieren kann gelingen, wenn die Testverfahren weiter entwickelt und verbessert werden. Momentan kommen Antikörpertests zum Einsatz, die können aber nur eine vergangene Infektion nachweisen. können. Aktuell hofft man auf sogenannte Antigentests: Sie weisen nicht das Erbmaterial des Virus nach, sondern dessen Proteine. Allerdings befinden sie sich noch in der Erprobung. Verlaufen die Entwicklungen erfolgreich, könnten damit innerhalb einer Stunde Ergebnisse geliefert werden.
Die größten Hoffnungen werden auf Medikamente und Impfstoffe gesetzt, um den Menschen, bei denen die tückische Krankheit schwere Verläufe nimmt, zu helfen. Das Medikament Remdesivir hat sich als geeignet erwiesen, die Dauer der stationären Behandlung immerhin zu verkürzen.

Normalität im täglichen Leben dürften mit hoher Wahrscheinlichkeit jedoch nur Impfstoffe erlauben, die eine künstliche Immunität gegen Sars-CoV-2 erzeugen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verweist auf derzeit etwa 180 laufende Projekte zur Entwicklung von Vakzinen (Impfstoff aus lebenden oder abgetöteten Krankheitserregern). 35 der in Entwicklung stehenden Impfstoffe befinden sich bereits in klinischen Studien (Phase I bis III). In Deutschland haben das Mainzer Unternehmen BioNTech und die Tübinger Firma CureVac mit klinischen Prüfungen an Menschen begonnen.

Wann ein Impfstoff für die breite Bevölkerung verfügbar sein wird, bleibt allerdings vorerst offen. Bestehende Zweifel können und müssen durch viele unabhängige Prüfungen minimiert werden. Erst dann steht am Ende ein praxistaugliches Ergebnis.

Es wartet eine Zeit mit neuen Unsicherheiten und Herausforderungen. Die Pandemie ist nicht vorbei! Gegenseitige Rücksicht, Nachbarschaftshilfe und Vorsicht, sowie die Einhaltung der Hygienemaßnahmen werden noch für lange Zeit unsere ständigen Begleiter sein. Um so mehr Menschen sich vernünftig und sozial verantwortlich verhalten, um so besser kommen wir alle gemeinsam durch diese Krise.